Mad oder nicht mad, das ist hier die Frage.

Die Kommunikation ist die größte Errungenschaft und gleichsam größte Herausforderung des Menschen. Dabei ist sie so schwierig wie das Leben selbst. Unser Texter Martin G. Wanko berichtet über Alltägliches und nicht so Alltägliches, durchaus heiter und manchmal werden wir auch g’scheiter.
Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen?
Eines Morgens musste ich aus meiner Tageszeitung erfahren, meine Bank würde ihre Beteiligung an der VISA-Card, in Österreich Card Complete, einstellen und ihren Kunden einen Umstieg auf die MasterCard nahelegen. Ich dachte zu Beginn, das wäre ein übler Scherz, aber nein, „irgendwann“ bekam ich tatsächlich die Mitteilung, ich sollte noch dieses Jahr auf MasterCard umsteigen, sonst müsste ich mir privat einen neuen Kreditkartenanbieter checken.
Ist jetzt nicht so, dass ich grundsätzlich der Vergangenheit nachrär‘, aber die VISA war halt schon seit meiner Studentenzeit vorhanden wie die IKEA Sesseln in der Küche oder die Bücherwand im Wohnzimmer, sie gehört quasi zum Inventar. Als mir dann meine Tochter sagte, sie habe den Kartenwechsel so nebenbei erledigt, wollte ich nicht hinterher bleiben und stellte mich dem Online-Prozedere auf der App.
Ich füllte auf meinem Smartphone den Kreditkartenauftrag aus, musste dafür meinen Personalausweis fotografieren und als Dokument hinterlegen. Das tat ich dann auch, fragte mich aber zugleich, warum man denn nicht gleich alles über die ID Austria laufen lassen kann. Aber egal, im zweiten Anlauf hat alles gepasst, es wurde im Auftrag der Vermerk „Unterschrieben” eingetragen. Einen Tag später bekam ich von meiner mir unbekannten Betreuerin die Nachricht auf die App, dass sich der Status des Auftrags von „Unterschrieben“ auf „in Arbeit“ änderte, sie bräuchten beide Seiten des Ausweises. Da mir nicht erkenntlich war, wohin ich das Foto schicken sollte, füllte ich den Antrag einfach nochmals aus und schickte ihn ab, dauerte nicht lange, ich war mittlerweile richtig gut darin. Am nächsten Tag bekam ich jedoch die Kundeninformation, dass sich der Status meines Kreditkartenantrags aufgrund der Doppelung, die ich fabrizierte, von „Unterschrieben“ auf „Abgelehnt“ verändert hat und ich soll ein Tauschangebot annehmen, welches mir meine Betreuerin zugeschickt hat. Man darf also das Gleiche nicht zweimal unterfertigen, sonst ist es ungültig. Ich befolgte ihren Rat und nahm das Tauschangebot an. Dieses Mal ging das einfach mit Gesichtserkennung, aber mit der Verpflichtung, den 56-seitigen Antrag zu lesen und zu signieren. Vollständig ist er jedoch erst, wenn ich die allgemeinen Geschäftsbedingungen lese und ich erinnere mich auch an die Pflicht, den Datenschutz zu lesen. Auf alle Fälle war das bereits auf meinen Namen vorausgefüllte Dokument 56 Seiten lang.
Da fragte ich mich nach dem Absenden der Nachricht schon, wer hat das jemals gelesen hat, außer die Bank-Juristen und im Zweifelsfalle der Konsumentenschutz und wo sind die Zeiten nur geblieben, in denen man einmal(!) zur Bank fuhr, alle Zetteln in Windeseile unterschrieb und so ein für allemal seine Ruhe hatte. Nur, mittlerweile gibt es das Geldinstitut nicht mehr, wo ich den Vertrag für meine erste Karte unterschrieben habe und nicht einmal die Zweigstelle ist mehr vorhanden, dort befindet sich nun ein Wettbüro.
Am nächsten Tag schaute ich eher routinemäßig in meine App. Es hat sich noch nichts getan. Nach wie vor war ich Kunde der VISA Card. Am übernächsten Tag änderte sich am Bild noch immer nichts. Ich rief meine Tochter an. Bei ihr ging das „über Nacht“, meinte sie. Ich soll auch in meinen Briefkasten schauen: „MasterCard wird mir zum einen die Karte, zum anderen einen PIN-Code zuschicken, mit dem ich dann am Bankomat meine neue Kreditkarte freischalten lassen kann!” Ich bedankte mich und legte auf. Tatsächlich war an diesem Tag ein neutrales Kuvert in meinem Postkasten, in dem sich die neue MasterCard befand. Ich schaute sie mir an. Sie kam mir leichter als die VISA Card vor. Vielleicht auch, weil die VISA Card noch die eingestanzte Kreditkartennummer, den dreiziffrigen Kontrollcode und den Namen eingestanzt hat und so etwas robuster sein muss, auf alle Fälle wirkte sie etwas dicker und edler, so wie ein alter Cadillac, als Benzin noch zum Fortschritt gehörte und die USA noch eine Vorbildfunktion innehatten. Die neue Karte war hingegen sehr glatt. Jetzt fehlte nur noch der Code. Auch auf meinem PC, also am Online-Konto tat sich etwas. Hier wurde nun die MasterCard parallel zur VISA geführt. VISA in den roten Zahlen, die Master auf 0. Jetzt noch nicht in Hektik, aber mir war klar, dass etwas weitergehen sollte, ich legte den Kartenwechsel so an, dass ich mit der neuen Kreditkarte problemlos in den Urlaub fahren kann. Mittlerweile nervte ich damit auch schon meine Frau und meine Tochter, aber nerven hält bekanntlich gesund.
Also, ich konnte weiterhin die VISA Card belasten, das fand ich gut. Vielleicht habe ich am Ende des Tages zwei Karten, das erinnerte mich an meinen Vater, der in seiner besten Zeit vier Karten hatte, bis er langsam aber sicher zur Vernunft kam. Auf meinem Handy waren nun auch beide Karten vorhanden, aber es gestaltete sich etwas schwieriger, die MasterCard zu öffnen, weil eben die VISA noch als Hauptkarte im System ist. Im Briefkasten befand sich nun der Brief mit dem PIN-Code. Voller Euphorie riss ich den Brief auf, sah die Fläche, wo der PIN freigerubbelt werden musste. Gesagt, getan! Ich fuhr mit einem 2-Eurostück anständig drüber, fand, dass das aber etwas hölzern ging und las erst im Nachhinein, dass es sich hierbei um ein Hologramm handle, das mir in einem gewissen Lichteinfall die Zahlen verraten würde. Danach soll ich es vernichten. Ich kniff meine Augen zusammen, schaute durch das Hologramm und erkannte die zerstörten Ziffern nicht eindeutig wieder. Zu viele Nuller oder Achter, Einser oder Siebener. Ich schickte der Bank nun eine Nachricht, in der ich ihr mitteilte, dass ich das Hologramm geschrottet habe. Im Schreiben war mir das peinlich und ich korrigierte auf „defekt” und dass ich einen neuen PIN brauchen würde. Das war am Freitag und ich hörte nichts, vielleicht sperrt man ja auch in der Bank um 14 Uhr zu. Das Wochenende verbrachte ich mit allerlei, zum Beispiel schrieb ich die Daueraufträge auf, die ich mit meiner Kreditkarte bezahle, die werde ich ja ändern müssen. Dabei sah ich, dass ich für meine iCloud mittlerweile mehr zahle, als noch vor einem Jahr, weil mein Fotospeicher voll war und ich scheinbar einem Upgrade zugestimmt haben musste. Störte mich nicht zwingend, aber es ist interessant, zu welchem Zeug man die Zustimmung gibt, wenn man unter Stress ist. Sonst gab es keine weiteren Überraschungen. Daneben heizte die Sonne wie böse der Stadt ein, ich machte mir einen Kaffee und hörte daneben im Radio die Nachrichten. Ich fand es witzig, wie Donald Trump sprach: Das ganze Szenario hat Methode. Meistens ist irgendein Flugzeuglärm im Hintergrund, der irgendwie Bewegung signalisieren und stimulieren soll, dass er der Chef in seinem Business ist, dazu macht er so nebenbei, in einem leicht launischen Ton, Weltpolitik, in dem er in ein-zwei Sätzen sagt, was er von einem Oberhaupt eines Landes hält und dazu die Bestrafung oder eine mögliche Belohnung in den Raum stellt. Meistens sind es Bestrafungen.
Am Dienstag rief ich nach meiner Arbeit bei meiner Bank an, da ich noch keinen neuen PIN zugeschickt bekommen hatte. Ich wurde mit einer KI verbunden, die mich aufforderte, meine Frage möglichst einfach zu formulieren. Ich antwortete: “Kreditkarte defekt!“ Sofort wurde ich zu einer Mitarbeiterin in Echt weitergeleitet. Dieser schilderte ich verknappt mein Problem. Darauf antwortete sie mir, dass ich mit einer Nachricht über die App keinen neuen PIN bestellen dürfe, sondern mit einem amtlichen Ausweis und meinen Kontokarten zur Bank gehen müsse, um einen neuen zu beantragen. Darauf fragte ich sie, warum ich denn auf meine Online-Frage keine Antwort bekommen habe. Das wisse sie nicht, ich könnte aber gerne eine Beschwerde schreiben, das stehe mir frei. Ich überlegte noch kurz, ob ich sie beleidigen sollte, nahm aber meine Emotionen zurück. Ich dachte mir nur, wenn man jetzt am Land lebt und kein Auto zur Verfügung hat, könnte das zu einem schwierigen Unterfangen werden. Ich spielte mich auch mit dem Gedanken, die Kreditkarte zu zerschneiden, „dann können sie mir gleich alles neu schicken”, murmelte ich in mich hinein, unterließ es aber. Ich will nicht unfair sein. Hätte ich von Anfang an richtig geschaut, hätte ich auf die Anfrage, die Rückseite des Personalausweises zu schicken, als Antwort einfach nur ein Foto schicken sollen und nicht den Vertrag ein zweites Mal ausfüllen. Dann wäre alles ganz einfach gegangen.
Ich ließ die Karte also am Leben und fragte meine Tochter und meine Frau getrennt voneinander, welche Nummer das im Hologramm sein könnte. Ich notierte die drei trefferreichsten Kombinationen auf einem Post-it, daraufhin begaben meine Frau und ich uns zum nächsten Bankomat in einer Bankfiliale. Ich war schon gespannt, wie weit mich mein Zahlenexperiment bringen würde, immerhin hatte ich drei Versuche frei.
Ich steckte die Kreditkarte in den Schlitz des Bankomaten und tippte das Feld zur PIN-Aktivierung an. Ich tippte den Zahlencode, der zu Hause die größte Häufigkeit ergab und bereits der erste Versuch gelang. Das enttäuschte mich nun leicht, aber irgendwie war ich doch froh, dass es geklappt hat. Jetzt tippte ich meinen individuellen Code ein und wiederholte die Zahlenkombination. Alles lief nach Plan.
Wir tranken noch etwas in einem Schanigarten, daraufhin ging ich in die Weinboutique Kohlbacher in der Leonhardstraße, ich kaufte mir drei Flaschen Wein, damit meine Karte aktiviert werden konnte. Ich suchte mir drei Flaschen aus, zwei rote und eine weiße, tippte an der Bezahlvorrichtung den neuen Code ein. Mit einer Push-Nachricht in der App wurde der Bezahlvorgang beendet. Wir tranken das Glas Wein aus und gingen nach Hause. Am Abend bekam ich beim Einstieg ins Online Banking die Mitteilung „Es ist ein Fehler aufgetreten!”, daraufhin schaltete ich den Computer aus und ging lesen. Am nächsten Tag stieg ich wieder in meine App ein. Das Logo der VISA-Card war nun verschwunden, nur noch die MasterCard leuchtete auf. Ich stieg aus dem Programm aus, nahm die unnütz gewordene Kreditkarte aus meiner Brieftasche, zerschnitt sie in vier Teile, entsorge zwei im Plastikmüll und zwei im Restmüll.
© Martin G. Wanko