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15/10/2026
Artikel von

Joseph Piaty


Perfekt unperfekt: Warum eine gute Gestaltung den kleinen Fehler braucht

Linienraster mit Madison-Stern der ausbricht

Im Jahre 1528 erschien in Venedig ein ganz besonderes Buch, dessen Autor rund zwanzig Jahre zum Verfassen benötigt hatte. Die Rede ist von “Il Libro del Cortegiano” von Baldassare Castiglione. Er beschreibt darin den für damalige Verhältnisse idealen Hofmann und was ihn ausmacht. Dafür erfindet er sogar ein Wort, das, wenn auch selten, bis heute Gebrauch findet: “Sprezzatura”. In der modernen Welt würde man wahrscheinlich eher einen Begriff wie “Lässigkeit” verwenden. Aber das beschreibt eigentlich schon ganz gut, worum es dabei geht, nämlich darum, alles was man sagt oder tut komplett mühelos wirken zu lassen. Das Gegenteil nannte Castiglione “Affettazione”, die Anstrengung, die man einem direkt ansieht. Fast 500 Jahre später beschreiben diese zwei Begriffe erstaunlich genau, wonach die Gestaltung aktuell wieder sucht.

Unperfekt mit Ansage

Nichts könnte besser beschreiben, was die Designwelt am meisten bewegt, als der Trendbericht für 2026 vom Gestaltungsplattform-Anbieter Canva. Dieser trägt schon den klangvollen Titel “Imperfect by Design”. Darin heißt es, dass sich Kreative zunehmend nach menschlichen Unvollkommenheiten sehnen, da diese Gestaltungen roh, ehrlich und einzigartig wirken lassen. Laut Canva sind auf der Plattform die Suchanfragen nach DIY- und Collage-Elementen um 90 Prozent gestiegen. Gefragter denn je sind also unordentliche Kompositionen und Layouts, die vom Stil her eher an selbst gemachte Hefte erinnern. Auch Adobe berichtet von ähnlichen Beobachtungen und sieht darin eine Gegenbewegung zum Hi-Tech-Look der letzten zehn Jahre. Wir selbst haben zu Jahresbeginn in unserem Beitrag über die Designtrends 2026 geschrieben, dass Design wieder Persönlichkeit zeigt: unperfekt, mutig und charmant rebellisch.

Bleibt nur noch die Frage, warum uns das so gut gefällt. Denn ein Trend allein ist noch kein Argument.

Warum uns der kleine Fehler gefällt

Eine Antwort auf diese Frage gibt uns ein Klassiker aus der Sozialpsychologie. 1966 spielte ein amerikanischer Psychologe namens Elliot Aronson einer Reihe von Versuchspersonen Tonbandaufnahmen vor, auf denen jemand Quizfragen beantwortete, einmal sehr gut und einmal nur mittelmäßig. In je einer Variante verschüttete die Person dabei Kaffee. Am sympathischsten fanden die Versuchspersonen die kompetente Person, der das Missgeschick passiert war, am wenigsten sympathisch die durchschnittliche Person mit demselben Missgeschick. Der Befund heißt seither Pratfall-Effekt. Ein kleiner Fehler schafft also nur dann Sympathien, wenn das Können außer Frage steht. Genau das meinte Castiglione mit “Sprezzatura”.

Die These wird auch von einem zweiten Befund unterstützt. Und zwar durch die Studie “The Effort Heuristic” aus dem Jahr 2004. In den Experimenten schätzte man Gedichte und Bilder hochwertiger ein, wenn man glaubte, dass darin mehr Arbeit stecke. Eine Wiederholung der Experimente kam 2023 zwar zu gemischten Ergebnissen, die Tendenz bleibt aber bemerkenswert. Außerdem wirken Produkte laut einer Studie mit Beteiligung der WU Wien attraktiver, wenn sie als handgemacht präsentiert werden. Wir versuchen also immer, aus einer Sache herauszulesen, wie viel jemand hinein investiert hat.

Wenn Perfektion nichts mehr kostet

Heutzutage reichen ein Knopfdruck und ein paar Sekunden Zeit aus, um makellose Bilder zu bekommen, und dadurch verlieren Sie, in gewisser Weise, Ihren Wert als Signal. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen IQ hat im Jahr 2024 untersucht, wie Menschen KI-generierte Werbevideos verarbeiten: Die meisten Werbespots wurden intuitiv als KI-generiert erkannt und als langweiliger, störender und verwirrender wahrgenommen, als herkömmliche Werbung. Der einzige Spot, den die Testpersonen nicht direkt erkennen konnten, stammt von einem Werbeprofi und ist in vielen Überarbeitungsschleifen mit KI entstanden. Castiglione hätte ein Wort dafür gehabt.

Imperfektion als Methode

Dieses Gestaltungsprinzip ist aber nicht neu, denn seit jeher brechen Gestalterinnen und Gestalter aus der Ordnung aus: Schriften werden schräg gestellt, Elemente ragen aus dem Raster heraus, ein Schriftzug fällt über den Rand ab, Flächen bleiben einfach leer und Linien zittern. Konventionsbrüche wie diese gehören zum Standard-Handwerkszeug und tauchen auch in unseren eigenen Arbeiten immer wieder auf.

Für den steirischen Biohof Himmelreich wurden handgezeichnete Illustrationen mit einer eleganten Typographie verbunden. Auf den Drucksorten finden sich mythologisch anmutende Engel, die einen Apfel halten, ein Vogel mit Traum im Schnabel etc. Aufschriften sind in steirischer Mundart verfasst und überall finden sich abfallende Elemente und schräge Zeilen. Imperfektion in Perfektion! Das Krispelino-Etikett, das wir für das Genussgut Krispel gestaltet haben, kommt mit einer Zeichnung aus nur wenigen Strichen und viel freier Fläche aus. Im Genuss-Alphabet des 40plus-Magazins sind die Zeichnungen locker skizziert und frei zwischen die Textblöcke gestreut. Sogar in der Recruiting-Kampagne der Steuerberatungskanzlei Schachner und Partner wurden Strichfiguren direkt neben den Porträts echter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter platziert.

Unperfekt ist nicht gleich unfertig

Das alles heißt jetzt aber nicht für Marken, dass ab sofort alles schief und krakelig sein muss. Es gibt auch eine Kehrseite an Aronsons Versuchen: Das Missgeschick schadet dort, wo die Kompetenz fehlt. Eine verdrehte Zeile beispielsweise fällt nur dann als Gestaltungsentscheidung auf, wenn alle anderen Abstände stimmen, Denn wenn man dem gewollten lässigen Look die Absicht ansieht, wäre das in Castigliones Worten lediglich “Affettazione”.

Drei zentrale Fragen können dabei helfen, zu entscheiden, wie viel Imperfektion einer Marke gut tut:

  • Was darf ausbrechen? Es genügt meist nur ein einziges Element, das ausbricht, denn bei fünf wäre es keine Ordnung mehr.
  • Sitzt das Fundament? Grundsätze wie Farben, Font und Raster müssen stimmen, bevor etwas davon abweichen kann.
  • Ist der Fehler echt? Eine handgemachte Zeichnung oder eine handgeschriebene Zeile überzeugen meist mehr als Effekte, die die Unvollkommenheit lediglich nachahmen sollen.

Castiglione selbst ging es damals zwar nur um Menschen am Hof von Urbino und nicht um Etiketten, Plakate oder Magazine, aber sein Grundgedanke lässt sich trotzdem übertragen: Gute Gestaltung sieht zwar leicht aus, ist sie aber nur in den seltensten Fällen.

Und wo darf Ihre Marke aus der Reihe tanzen?

Melden Sie sich bei uns, und wir finden gemeinsam heraus, wie viel “Sprezzatura” Ihrem Auftritt gut tut.

Foto Gemälde Castiglione: Raphael, Public domain, via Wikimedia Commons

Foto Kaffee: von amir salehi auf Unsplash

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